Wieder Fleisch essen
Vegan

Würde ich eigentlich wieder Fleisch essen?

Willkommen in einer kleinen Philosophiestunde. Es wird persönlich. Es geht ans Eingemachte. Es wird unbequem.

Immer mehr werden vegan – probieren es zumindest aus. In den Discountern gibt es Sojajoghurt, die Restaurantlandschaft öffnet sich und vegan ist für sehr viele Menschen kein Fragezeichen mehr. Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist, dass es auch einige gibt, die wieder zurückgehen. In unterschiedlichen Stufen. Zurück zum Teilzeit-Veganer, zurück zum Vegetarier, zurück zu Schnitzel und Steak.

Essen als Religion

Ich hatte ja bereits schonmal etwas zum Thema Missionieren gesagt. Die Frage, ob ich wieder Fleisch essen würde, kommt nicht von ungefähr. Neben einigen, ich sag jetzt mal, sehr einseitigen Artikeln, dass vegane Ernährung ja grundsätzlich eine Mangelernährung sei und dies nur ginge, wenn die Apotheke gleich ums Eck ist, gibt es auch ausgewogenere Stimmen. Dennoch kritische Stimmen.

So hat vor einigen Tagen eine, in meinen Augen sehr erfolgreiche Instagrammerin, verkündet, dass sie nicht mehr vegan ist. In einem Satz mit dem Wort „entfolgen“.

Der Druck ist also hoch.

Ich spüre ihn auch. Auf meinen kritischen Artikel bekam ich zwar nur gutes Feedback, aber irgendwie fühlt man sich ja doch verpflichtet. Da hat man einen Instagram-Account, einen Youtube-Kanal oder einen Blog. Festgelegt auf das Thema vegane Ernährung, vielleicht gepaart mit ein paar Randthemen.

Natürlich erwartet der Leser dann, dort auch entsprechend vegane Themen, Rezepte etc. vorzufinden.

Dennoch steht hinter jedem Blog, Video-Kanal und sonstigen Accounts aber ein Mensch. Ein Mensch, der versucht, für sich den richtigen Weg zu finden. Und wenn dann offen von Entfolgen gesprochen wird, dann zeigt das doch, dass einem die Meinungen der anderen nicht egal sind.

Weil man sich vielleicht denkt „Scheiße, ich habs nicht geschafft.“

Vegane Ernährung ist nicht rosarot

Ich stehe hinter dem Konzept Veganismus. Ich finde Massentierhaltung zum Kotzen und meiner Meinung nach macht man es sich zu leicht, dann einfach nur auf Fleisch und Fisch zu verzichten, denn Milch, Käse und Co sind genauso Ursprung einer Tötungsindustrie.

Allerdings ist es ja nun auch nicht so, dass man jeden Tag locker freudestrahlend voller Leichtigkeit durchs Leben geht. Ich kann hier nur für mich sprechen, aber es gibt durchaus Dinge, die mich nerven. Ob das nur daran liegt, dass ich noch „neu“ bin, vermag ich nicht zu sagen. Aber:

  • es nervt, dass ich, wenn eine Veranstaltung oder ein nicht von mir organisiertes Treffen in einem Restaurant stattfindet, erstmal auf die Speisekarte gucke, ob ich da was finde
  • es nervt, dass ich, wenn ich dort nix finde, nachfragen muss, ob es möglich wäre, dass…
  • es nervt, dass ich, falls dies nicht möglich ist, zuhause essen muss, damit ich im Restaurant nicht vom Stuhl kippe
  • es nervt, dass ich unterwegs nicht einfach mal was essen kann – ja, die Angebote werden immer größer und in der eigenen Stadt kennt man ja auch die ganzen Spots, aber wenn man irgendwo fremd ist…
  • klar gibt es Apps wie Happy Cow, aber da geht auch ein bisschen Spontanität verloren.

Der größte Kritiker ist man selbst

Ich glaube kaum, dass jemand, der nicht mehr vegan lebt, einen Shitstorm über sich ergehen lassen muss, wenn er wieder tierische Produkte zu sich nimmt. Es mag vorkommen. Aber was Leute über mich denken, die ich noch kein einziges Mal gesehen habe, kann mir ja herzlich egal sein.

Weil es um mein Leben und um meine Ernährung geht.

Allerdings ist das dann oft doch nicht so einfach. Es gibt ja einen Grund, weshalb man sich für die vegane Ernährung entschieden hat. Dieser Grund ist dann natürlich nicht einfach so verschwunden.

Dann fragt man sich: ist es ethisch eigentlich vertretbar ein Stück Käse zu essen, obwohl ich doch weiß, dass auch damit Leid verbunden ist? Und dass auch wenn der Käse von Biokühen stammt, diese Tiere für MEINEN Genuss gestorben sind?

Es ist keine einfache Thematik. Und es gibt hier auch kein richtig oder falsch.

Wir haben das Problem, dass wir in einer Konsumgesellschaft leben. Kaum einer von uns hat vor der Haustür noch eine Ziege stehen, die dann halt Ziegenmilch gibt. Kaum einer von uns hat Schafe, die in Ruhe geschoren werden, wo dann nicht der halbe Arsch eine offene Wunde ist.

Und kaum jemand von uns kann wirklich behaupten, Fleisch von glücklichen Tieren zu essen. Weil es diese glücklichen Tiere in unserer Gesellschaft so gut wie nicht mehr gibt.

Und dennoch ist der Menschen egoistisch. Und ich bin es auch.

Ich lasse jetzt die Hosen runter

Auch ich bin nicht mehr strikt vegan. Auf die Gründe bin ich oben schon kurz eingegangen. Das ist aber nur die eine Seite. In letzter Zeit vergehe ich fast vor Appetit auf mal (!) ein Stück Käse. Auch mal Lachs. Und ja, vielleicht würde ich auch wieder Fleisch essen. Und natürlich überlegt man hin und her. Hat Teufelchen und Engelchen auf der Schulter sitzen. Inzwischen habe ich aber nachgegeben. Weil mir auch ein bisschen Lebensqualität flöten geht.

Das heißt ja nun nicht, dass ich jeden Tag eine Quattro Formaggi Pizza esse oder alles in Sahne ertränke. Nein. Ich habe vor ein paar Tagen ein wenig Käse über meine Nudeln gegeben und war enttäuscht. Schmeckt nämlich nicht so geil, wie ich es in Erinnerung hatte – so schnell wird es das also nicht mehr geben.

Anderes Beispiel: Latte Macchiato im Café mit Kuhmilch. Also der Schaum war ja mal widerlich. Dieser Kuhmilchgeschmack – bäh! Zuhause kommt mir keine Kuhmilch in den Kühlschrank. Dafür ist Pflanzenmilch viel zu lecker.

Ich habe eine Regel: tierische Produkte nur aus dem Biomarkt. Natürlich weiß ich, dass auch für meinen Bio-Käse Tiere leiden müssen. Und es zerreißt mir das Herz, nicht beides haben zu können: echten Käse UND glückliche Tiere. Leider ist das Leben aber kein Wunschkonzert.

Jetzt hoffe ich natürlich sehr, dass du verstehst, was ich dir heute sagen wollte: ich habe keine Lust mehr alles zu labeln, alles zu benennen. Wenn ich einen Käsekuchen will, dann esse ich einen Käsekuchen. Wenn ich einen veganen Burger will, dann esse ich einen veganen Burger. Mein Körper und meine Geschmacksknospen sagen mir schon, was ich wirklich will.

 

Wie gehst du mit Appetit auf tierische Lebensmittel um?
Gibt es bei dir Ausnahmen?
Schreib es mir in die Kommentare!

 

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1 Comment

  • Reply Lena 21. September 2015 at 10:55

    Ich denke, das ist ein sehr schwieriges Thema, das jeder mit sich selbst ausmachen muss. Ich verurteile niemanden für seine Entscheidungen und finde es schön, dass du so ehrlich bist. Für mich selbst gibt es allerdings keinen Weg zurück, nachdem ich weiß, was für Leid dahinter steckt, wäre es mir dieser kurze Moment „Genuss“ einfach nicht wert. Mal davon abgesehen, dass ich mich auch kein Stück danach sehne, weil es so viele gute Alternativen gibt. Für mich stellen die „Hürden“, die du beschreibst auch so gar kein Problem dar, weil ich ein Warum dahinter habe und weiß, wofür ich es tue. Mal abgesehen von den ethischen Aspekten will ich aus gesundheitlicher Sicht auch gar nicht zurück. Ich fand den letzten Artikel von Conni von Planet Backpack zu dem Thema auch super.
    Aber natürlich ist aber 80% vegan immer noch besser als gar nicht 😉

    Liebe Grüße
    Lena

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